Planetary Health Diet: gut für Mensch und Umwelt

Veröffentlicht von theres am

2019 publiziert und weiterhin brandaktuell. Ich hole sie wieder einmal vor den Vorhang.

Es gibt Momente in der Wissenschaft, die alles verändern. Die Veröffentlichung der Planetary Health Diet im Jahr 2019 war so ein Moment. Mich hat das damals sehr aus dem Häuschen gebracht hat, nachzulesen hier). Denn seit meinem Studium der Ernährungswissenschaften interessiert mich, was Menschen gesund hält, klar! Immer schon haben mich aber auch Aspekte der Nachhaltigkeit beschäftigt. So sehr, dass ich nachhaltige Ernährung 2012 zu meinem Spezialgebiet gemacht habe. Das war damals ein Nischenthema. Doch dann kam diese Publikation.

Wissenschaftlich hochkarätigst
Zwei absolute Koryphäen ihrer Fächer, nämlich Walter Willett, einer der weltweit renommiertesten Ernährungswissenschaftler von der Harvard School of Public Health, und Johan Rockström, ein führender Forscher globaler Ökosystemgrenzen, damals am Stockholm Resilience Centre, jetzt am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hatten gemeinsam mit 35 Wissenschaftler:innen aus 16 Nationen über zwei Jahre lang Daten ausgewertet, Szenarien durchgespielt und Kompromisse ausgelotet. Ihr Ziel war es, eine Ernährung zu definieren, die gesund, umweltverträglich und umsetzbar ist. Herausgekommen ist eine Publikation im ebenfalls renommierten Fachmagazin Lancet. Sie hat 47 dichte Seiten und ist am 16. Jänner 2019 erschienen. Im Oktober 2025 gab’s ein Update, die Grundzüge bleiben gleich, die Planetary Health Diet 2.0 legt einen besonderen Fokus auf gerechte Verteilung von Lebensmitteln und faire Ernährungsumgebungen.

Warum braucht es das?
Unser globales Ernährungssystem ist nicht nachhaltig. Es ist verantwortlich für etwa ein Viertel der globalen Treibhausgasemissionen, verbraucht riesige Mengen an Wasser und Land, trägt massiv zum Verlust von Biodiversität bei, setzt auf synthetische Düngemittel und Pestizide und ist nicht gerecht. Gleichzeitig macht die meisten Menschen ihre Ernährungsweise („Western Diet“) krank: Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zahlreiche Krebserkrankungen („Zivilisationskrankheiten“). Das verursacht viel Leid und ist teuer. Es geht aber auch anders.

Empfehlungen mit neuem Fokus
Herzstück der genannten Publikation ist eine Ernährungsweise, eben die Planetary Health Diet, die bis 2050 (und darüber hinaus) alle Erdenbürger:innen ausreichend versorgen, ihre Gesundheit fördern und gleichzeitig die ökologischen Grenzen des Planeten Erde respektieren kann.

Wie sieht die Planetary Health Diet aus?
Sie ist zunächst ein flexibler Rahmen, kein starres Konzept. Und sie ist ganz klar pflanzenbetont: Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Nüsse bilden die Basis. Tierische Produkte, wie Fleisch, Fisch, Eier, Milch und Milchprodukte können in geringen Mengen dabei sein, die Planetary Health Diet kann aber genauso vegetarisch oder vegan umgesetzt werden. Eine weitere Grundregel ist: so wenig verarbeitet wie möglich.
Wichtig ist auch, dass diese Ernährungsweise leistbar ist und kulturell angepasst werden kann: Die Planetary Health Diet schmeckt in Indien anders als in Brasilien und dort wieder anders bei uns. Deshalb finden sich auf der Website jede Menge Inspirationen und Rezepte für unterschiedliche Weltgegenden.

Screenshot der Abbildung 3 aus dem Bericht des Eat Forum, Download: https://eatforum.org/wp-content/uploads/2025/09/EAT-Lancet_Commission_Summary_Report.pdf

Konkrete Empfehlungen:
Die empfohlenen Lebensmittelmengen gelten für eine hypothetische Referenzperson mit einem Energiebedarf von 2.500 kcal. Ich habe die Werte gerundet. Dass jeweils nicht nur ein Wert, sondern in Klammer ein Bereich angegeben ist, hat den zuvor erwähnten Grund: Die Planetary Health Diet gibt viel Freiheit für die Umsetzung. Wer kein Fleisch isst, isst vielleicht mehr Fisch, Milchprodukte und einige Hülsenfrüchte. Wer sie vegan umsetzt, bedient sich bei Hülsenfrüchten und Nüssen voll, um genug Eiweiß zu bekommen. Wer Obst lieber mag als Gemüse, passt die Mengen für sich entsprechend an.

Gemüse: 300 (200–600) g pro Tag
Obst: 200 (100–300) g pro Tag
Vollkorngetreide(produkte): 230 g pro Tag
Stärkereiche Knollen/Wurzeln* (z. B. Kartoffeln, Maniok): 50 (0–100) g pro Tag
Milch(produkte) und Äquivalente (in 100 g Käse stecken z. B. bis zu 1 l Milch): 250 (0–500) g pro Tag
Eiweißquellen:
Rotes Fleisch (z. B. Rind, Lamm, Schwein): 100 (0–200) g pro Woche
Weißes Fleisch (Geflügel): 200 (0–400) g pro Woche
Eier: 1,5 (0–2,5) Stk. pro Woche
Fisch: 200 (0–700) g pro Woche
Hülsenfrüchte: 75 (0–100) g pro Tag
Nüsse: 50 (0–75) g pro Tag
Zugesetzte Fette (zum Kochen, Braten, Backen, Aufstreichen):
Ungesättigte (z. B. Pflanzenöle): 40 (20–80) g pro Tag
Gesättigte (hs. in Butter, Schmalz): 12 (0–12) g pro Tag
Zugesetzter Zucker (alle Arten): 31 (0–31) g pro Tag
* Deshalb so wenig, weil sie den Blutzuckerspiegel stark beeinflussen (ein Spezialgebiet von Walter Willett).

Riesiges Potenzial
Die Autor*innen der Planetary Health Diet haben in ihren Modellierungen gezeigt, dass durch drei kombinierte Maßnahmen das Ernährungssystem nachhaltiger werden und der kranke Planet weitgehend gesunden könnte: 1. eine Veränderung der Ernährungsweise wie oben skizziert (die auch für die Menschen gesund ist), 2. eine umweltfreundlichere Art der Landwirtschaft (z. B. bio) und die 3. die Halbierung von Lebensmittelabfällen (aktuell wird ein Drittel der globalen Produktion nicht gegessen!).
Alle drei Maßnahmen müssten weltweit flächendeckend umgesetzt werden. Das ist eine sehr große Herausforderung, die wir nur in gemeinsamer Anstrengung schaffen können. Jede:r von uns ist Teil der Lösung!

Grund für Optimismus
Die Publikation der Planetary Health Diet hat einen Stein, einen Meilenstein, ins Rollen gebracht! Sie wird natürlich auch kritisiert. Aber: Seit sie da ist, kommt niemand mehr um sie herum. Sie hat überall Einzug gehalten: in Wissenschaft, Lehre und Forschung, in die Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung, in den öffentlichen Diskurs. Keine Ernährungsempfehlung kann mehr den Aspekt Nachhaltigkeit außen vor lassen. In den letzten Jahren haben viele Ernährungsgesellschaften neue Empfehlungen herausgegeben, die neben Gesundheit eben auch Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen. Das sind alles Folgen dieser einen Publikation. Jetzt müssen wir die Planetary Health Diet „nur“ mehr umsetzen.

Quelle Beitragsbild: Screenshot Ausschnitt Titelseite des Berichts des Eat Forum, Download: https://eatforum.org/wp-content/uploads/2025/09/EAT-Lancet_Commission_Summary_Report.pdf